Mehrere Personen stehen beisammen, das Foto zeigt die Füße der Gruppe. Eine Person hat die Beine überkreuz.

Impostor Syndrome

Das Impostor Syndrome wurde in den vergangenen Jahren zunehmend diskutiert, besonders im Kontext von Generation Y und Z – und vor allem in Hinsicht auf junge Frauen.

Was ist das Impostor Syndrome?

Das Impostor Syndrome, auf Deutsch Hochstapler-Syndrom, ist ein psychologisches Phänomen, bei dem Personen von ständigen Selbstzweifeln belastet sind. Und das bis zu dem Punkt, dass sie denken, all ihre Erfolge und Fortschritte seien nicht das Resultat ihrer Arbeit und Fähigkeiten, sondern reines Glück – und dass sie dementsprechend alle täuschen. Deswegen auch Hochstapler: Betroffene glauben, sie hätten Erfolg und Anerkennung in Wahrheit nicht verdient. Andere würden bloß ihre Unfähigkeit nicht erkennen.

Schwierig ist dabei auch, dass sich nahezu jeder irgendwann mal in irgendeiner Situation so gefühlt haben kann. Es ist nur menschlich – und für viele wahrscheinlich immer noch sympathischer als das krasse Gegenteil, sich für besser als andere zu halten. Bescheidenheit wird den meisten anerzogen. Aber wenn dieser Glaube zum ständigen Begleiter wird und jeden Aspekt des eigenen Lebens durchdringt – ja, was passiert dann?

Ständiger Stress durch das Impostor Syndrome

Erfolge können keine positiven Emotionen hervorrufen. Die Überzeugung sich doch beweisen zu müssen, dem positiven Bild anderer endlich gerecht werden zu können, führt zu ständigem Druck. Die dauerhafte Sorge als Hochstapler enttarnt zu werden. Sich unter Wert zu verkaufen und ausnutzen zu lassen. Sich abzukapseln, sich niemandem mit den Selbstzweifeln anzuvertrauen – all das lässt Betroffene ihre Selbstzweifel weiter internalisieren bis sie zur Grundeinstellung geworden sind. Und damit gerät man gefährlich leicht in einen Teufelskreis: Du siehst dich selbst im schlechtesten Licht, Lob und Zuspruch anderer fühlt sich unverdient an. Also arbeitest du mehr und härter, um Lob und Zuspruch „wirklich“ zu verdienen. Der Indikator für deinen Erfolg ist aber nicht deine innere Stimme, sondern der externe Zuspruch. Den du aber für illegitim und unverdient hältst.

Das Impostor Syndrome hat in den letzten Jahren an Aufmerksamkeit gewonnen, besonders im Kontext der Karriere jüngerer Generationen und Frauen. Untersucht wird das Phänomen aber schon länger. Erste Studien wiesen daraufhin, dass gerade Frauen häufiger betroffen sind. Wieder andere Studien lassen vermuten, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Pauline Rose Clance, die die Erforschung des Phänomens begann, hat später nicht nur weitere Studien und Reviews ihrer Forschungsergebnisse angestoßen, sondern im Nachhinein auch festgestellt:

If I could do it all over again, I would call it the impostor experience, because it’s not a syndrome or a complex or a mental illness, it’s something almost everyone experiences.

Pauline Rose Clance in „Presence: Bringing Your Boldest Self to Your Biggest Challenges“ von Amy Cuddy

Nahezu jeder kennt dieses Gefühl. Aber man kann vermuten, dass insbesondere der sozialpolitische Hintergrund eine große Rolle spielt. Personen, die in ihrem Umfeld als Minderheit gelten oder sich auch selbst als solche wahrnehmen, sind anfälliger für diese Art der Wahrnehmung. Wer immer wieder gehört und erfahren hat, dass sie anders seien, nicht dazu gehören, sind sich bewusst, welche Stereotypen auf sie projiziert werden können – und werden nicht in diese Falle geraten wollen. Wer immer wieder in diese Gedankengänge gedrängt wird, ist einem höheren Risiko ausgesetzt, bestimmte Annahmen zu verinnerlichen. Wenn du als Schulkind immer wieder hörst, du seist einfach schlecht in Fach X, wirst du anfangen, das zu glauben – und Erfolge mit Zufall oder Glück begründen.

Warum dir fake it till you make it nicht weiterhilft

Was aber kann man denn genau tun, um dieses Gefühl und Gedankenmuster hinter sich zu lassen? Fake it till you make it ist für viele die nahe liegende Taktik. Aber gerade die ist tückisch und leitet Betroffene weiter in den oben beschriebenen Teufelskreis: Noch weiter gehen, noch härter arbeiten, um das Lob endlich zu „verdienen“ – dem Lob, dem man doch keinen Glauben schenkt. Der einzige Weg ist – wie üblich – der unbequemste: Auseinandersetzung.

Vor einiger Zeit habe ich die angepasste Version des Spruchs gelesen:

Face it till you make it.

Letztendlich ist und bleibt das der einzige Weg, um Probleme zu bewältigen. Überhaupt erkennen, dass es ein Problem gibt. Das Problem im weiteren Kontext und Detail analysieren und verstehen. Identifizieren, was Auslöser sind und Taktiken entwickeln, um dem entgegenzuwirken. Und das ist viel Arbeit – aber so lohnenswert.

Warum glaubst du, nicht genug zu sein?

In welcher Art und Weise glaubst ein Fake zu sein?

In welchen Situationen ist das Gefühl am stärksten?

Was sind die Fakten?

Ein Beispiel: Für mich fing es wie bei vielen anderen auch in der Schule an. Gute Noten waren für mich eine wichtige Bestätigung. Es kam auf die Note an, nicht auf die Qualität der erbrachten Leistung. Ich habe Jahre gebraucht, um selbst mit meinen Leistungen zufrieden zu sein, anzuerkennen, ob etwas gut ist und mich nicht nur auf externes Feedback zu verlassen. Und ergänzend Lob aber auch anzunehmen. Damit kämpfe ich noch immer, aber mir ist endlich klar: Herunterspielen bringt nichts. Denn hinter Fähigkeiten steckt harte Arbeit. Und die klein zu reden, macht es anderen nur schwerer: „Ich bin halt einfach nicht gut in XY, also lasse ich es gleich.“ Stattdessen möchte ich viel lieber zeigen, dass man natürlich Talente haben kann – aber man kann nahezu fast alles erlernen. Viel lieber finde und zeige ich Wege, wie man besser werden kann und es für andere zugänglich macht. Zweifel sind immer noch da – das ist normal – aber ich will sie nicht mehr bestimmen lassen, wie ich mit meinem Umfeld interagiere.

Ein Plädoyer für mehr Offenheit

Wir sollten die Scham, die mit vermeintlichem Versagen einhergeht, auflösen und sie als das erkennen, was sie wirklich ist: eine Chance. Eine Chance herauszufinden, was (nicht) funktioniert, was man besser machen kann und ob man es überhaupt besser können muss. Wie Clance letztendlich festgestellt hat: Das Impostor Syndrome ist nicht personenspezifisch, sondern eine universale, menschliche Erfahrung.

Nicht fake it till you make it, sondern face it till you make it. Im Leben werden wir alle noch genug Hindernissen begegnen – da sollten wir uns selbst kein weiteres sein.

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