Der Zeitgeist des Urban Farming

Stell‘ dir vor, du gehst durch eine Großstadt und statt der vielen Grauschattierungen und Metallelemente siehst du grün. Pflanzen, die auf den Außenflächen der Hochhäuser wachsen und deren Erträge später im Supermarkt bei dir um die Ecke landen. Noch klingt die Vorstellung eher nach futuristischem Traum, die Umsetzung dieser Idee ist aber schon seit langer Zeit Thema. Pläne für solche Gebäude gab es schon 2013 für die Stadt Shenzhen.

Eine Entwicklung, die Sinn macht: Die Bevölkerung ländlicher Gegenden schrumpft seit Jahren, während es immer mehr Menschen in die Städte zieht – 2016 lebten immerhin rund 75,5% der deutschen Bevölkerung in Städten. Und trotz aller Bemühungen wird der Trend nur schwer zu stoppen, geschweige denn umzukehren sein. Da macht es nur Sinn, die Landwirtschaft stückweise auch in die Städte zu holen.

Ich fand ein verlassenes Gebäude am Waldrand, vollgesprayt mit Graffiti und überwachsen mit Efeu. Unter und zwischen den rostigen Metalltreppen wachsen viele Pflanzen.
Verlassene Gebäude, die die Natur längst zurückerobert, sind viel häufiger als man meist denkt.

Schließlich sind die Vorteile nicht von der Hand zu weisen: Ungenutzten Flächen wird ein Sinn geben, eine fortschreitende Systematisierung der Landwirtschaft vorangetrieben, die Luftqualität in Städten wird verbessert und bepflanzte Fassaden fördern die Hitzeentwicklung im Sommer weniger als reine Glas-, Beton- und Metalloberflächen. Auch die Effekte auf die Psyche der Stadtbewohner wären sicherlich ein interessanter Forschungsaspekt.

Ob das in der Realität aber so wunderbar funktioniert, ist natürlich eine ganz andere Sache. Denn ob sich bereits vorhandene Gebäude einfach so anpassen lassen, ist fraglich. Platz für Neubauten muss erst geschaffen und vor allem finanziert werden – und dieser Platz beziehungsweise das Gebäude muss entsprechende Bedingungen für das optimale Wachsen der Pflanzen erfüllen. Dass Pflanzen unterschiedliche Temperaturen, Lichtverhältnisse und Feuchtigkeit brauchen, erleichtert die Sache nicht – und letztlich kommt es dabei nicht nur auf das Wachsen der Pflanzen an, sondern auch auf die Energiebilanz. Was nützt ein schönes Projekt, wenn es nur Ressourcen verschlingt? Das ist einerseits eine Herausforderung, aber auch eine Chance: Bisher müssen sich Pflanzen auf dem Feld den vorhandenen Gegebenheiten anpassen, Optimierungen kann der Mensch nur bis zu einem gewissen Grad vornehmen.

Die Erforschung – und hoffentlich weitere Umsetzungen – solcher Möglichkeiten zeigt im weiteren Kontext, aber vor allem eins auf: Unser Verhältnis zum Konsum ändert sich. Die mediale Aufmerksamkeit für Themen wie Nachhaltigkeit, „alternative“ Ernährungsformen und Eigenanbau spiegeln ein größeres öffentliches Bewusstsein wider, dass unsere Ressourcen nunmal endlich sind. Das ist bei Weitem nichts Neues, aber wie so häufig bekommen solche Wahrheiten erst richtige Schwere, wenn es fünf vor 12 ist.

Eine rostige Treppe, deren Lack sich bereits löst. Zwischen den Metalltreppenstufen wachsen üppige Sträucher.

Urban Farming wird beim besten Willen kein Wundermittel sein und all unsere Probleme lösen, aber es kann einiges verbessern – und uns das Gefühl der Kontrolle vermitteln, das wir in diesem Kontext verloren haben. Der Mensch hat die Natur nie beherrscht, wird er auch nie – für viele ein beängstigender Gedanke, in einer Welt, die doch so stabil und durchgeplant zu sein scheint.
Einer der Reize von Lost Places und all den postapokalyptischen Serien, Bücher und Filme ist mitunter auch das Bewusstsein, dass sich die Welt ohne den Menschen weiterdrehen wird. Alte menschengeschaffene Strukturen werden von Flora und Fauna zurückerobert, sind so einerseits wohl vertraut und fremd.
Während Städte und große Bauten wie Hochhäuser ein Symbol der menschlichen Macht sind und wie er sich Ressourcen zu Nutze macht, sind von der Natur zurückeroberte Orte eine Erinnerung daran, wie bedeutungslos diese Symbole sind und dass der Mensch letztlich erst seit so kurzer Zeit auf der Schaubühne der Erdgeschichte steht – und nicht notwendigerweise bleiben wird.
Diesen Prozess der Rückeroberung kontrolliert und nach „menschlichen Spielregeln“ geschehen zu lassen, stellt da ein interessantes Eingeständnis dar: Wenn die Menschheit weiterhin einen durchschnittlich hohen Lebensstandard genießen und weiterhin existieren will, muss er sich eingestehen, dass er einen Schritt zurücktreten muss.

Wer sich dafür interessiert wie ähnliche Projekte in der Realität aussehen können, kann gerne mal hier , hier und hier recherchieren.

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